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Secondhand-Plattform in der Kritik

Wie Tragebilder auf Vinted für sexuelle Belästigung genutzt werden

Vinted steht in der Kritik, nicht entschieden genug gegen die sexuelle Belästigung von Nutzerinnen vorzugehen
Vinted steht in der Kritik, nicht entschieden genug gegen die sexuelle Belästigung von Nutzerinnen vorzugehen Foto: Getty Images
Redaktionsleitung bei STYLEBOOK

4. April 2025, 18:20 Uhr | Lesezeit: 6 Minuten

Was ursprünglich als nachhaltige Alternative zum Modekonsum gedacht war, wird für viele Frauen zum digitalen Albtraum: Auf der beliebten Secondhand-Plattform Vinted werden Nutzerinnen zunehmend Ziel sexueller Belästigung – und das nicht nur auf der Plattform selbst. STYLEBOOK fasst die Recherche zusammen.

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Wer auf Vinted Kleidung kauft oder verkauft, erwartet in der Regel unkomplizierte Abwicklung, freundliche Kommunikation und günstige Preise. Doch hinter dem Secondhand-Trend verbirgt sich laut Recherchen von NDR, WDR und der „Süddeutschen Zeitung“ zunehmend ein unangenehmes Phänomen. Immer mehr Nutzerinnen berichten davon, auf Vinted sexuelle Belästigung erfahren zu haben – meist im Zusammenhang mit sogenannten Tragebildern.

Tragebilder als Einstieg in übergriffige Kommunikation

Diese Fotos, auf denen Kleidung direkt am Körper gezeigt wird, sollen eigentlich lediglich Schnitt oder Passform veranschaulichen. Doch nicht alle Nutzerinnen stellen sie freiwillig online – manche fühlen sich dazu gedrängt, weil die Nachfrage von potenziellen Käufern groß ist. Genau hier beginnt das Problem. Denn was als harmlose Bitte formuliert wird, entwickelt sich in manchen Fällen zu übergriffigem Verhalten.

Betroffene berichten von privaten Nachrichten mit zweideutigen Kommentaren, Nachfragen zu Stoffen auf der Haut oder sogar Aufforderungen, weitere Bilder zu schicken – teilweise mit sexuellem Unterton.

Missbrauch auf anderen Plattformen

Und einzelne Fälle gehen noch weiter: In Onlineforen und Chatgruppen kursieren Screenshots von Nutzerprofilen samt Tragebildern. Diese werden gesammelt, archiviert und in sexuellem Kontext weiterverwendet – ohne Wissen der betroffenen Frauen. Besonders perfide: Oft wird gezielt nach bestimmten Suchbegriffen wie „tight“, „Bodysuit“ oder „Unterwäsche“ gefiltert.

In einschlägigen Kanälen, etwa auf Telegram, entstehen daraus ganze Sammlungen, in denen Kleidungsbilder aus Vinted-Listings zu voyeuristischen Zwecken genutzt werden. Wer einmal dort auftaucht, hat kaum eine Möglichkeit, sich dagegen zu wehren. Reporterinnen der beteiligten Medien beobachteten den öffentlich einsehbaren Kanal über mehrere Wochen. Die Mitgliederzahl stieg in dieser Zeit von 1.600 auf über 2.000 – überwiegend Männer. Gepostet werden Links zu den Vinted-Profilen der betroffenen Frauen sowie Fotos, die offenbar besonders viel Haut zeigen. Bauchfreie Shirts, figurbetonte Kleider oder kurze Shorts – das reicht oft schon, um im Fokus dieser fragwürdigen Community zu landen.

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Ein Großteil der gezeigten Frauen stammt aus Deutschland, Frankreich oder Italien. Die Administratorin des Kanals nennt sich „Sara“, angeblich eine 29-jährige Frau aus Mailand. Neben den Tragebildern bietet sie gegen Bezahlung auch sexuelle Dienstleistungen an. Die Kontaktaufnahme läuft über Telegram-eigene Währungen – die Nachrichten sind automatisiert, die Preise hoch. Bis zu 114 Euro kostet eine einzige Antwort.

Auch interessant: Vinted-Käuferschutz und Gebühr umgehen? Weshalb es sich für keine der Parteien lohnt

Plattformmechanismen von Vinted stoßen an ihre Grenzen

Vinted betont auf STYLEBOOK-Nachfrage, dass gegen sexuelle Belästigung konsequent vorgegangen werde. Ein Pressesprecher erklärt: „Bei Vinted steht eine sichere und einfache Nutzererfahrung für alle Mitglieder an erster Stelle. Wir bedauern sehr, von den negativen Erfahrungen unserer Mitglieder zu hören und nehmen diese Vorfälle sehr ernst. (…) Wir setzen Maßnahmen ein, um unangemessenes Verhalten zu unterbinden – einschließlich der Sperrung von Konten auf der Plattform. Dabei überprüfen wir unsere Systeme regelmäßig und entwickeln unsere Schutzmechanismen weiter, um solche Vorfälle zu verhindern und schnell darauf zu reagieren.“

Zwar gibt es die Möglichkeit, Nachrichten zu melden oder Bilder nachträglich zu löschen, doch in der Praxis bleiben viele Nutzerinnen auf sich allein gestellt. Auch die Tatsache, dass die Kommunikation innerhalb der App stattfindet, schützt nicht automatisch vor Grenzüberschreitungen. „Unsere Mitglieder haben auch die Möglichkeit, andere Nutzer zu sperren, sodass diese keine Nachrichten mehr an die initiierenden Mitglieder senden oder etwas von ihnen kaufen können“, heißt es weiter. Zudem können unangemessene oder sexuell übergriffige Inhalte, Anfragen nach persönlichen Fotos oder privaten Informationen, Kommentare zum Aussehen oder unangemessenes Feedback über die Meldefunktion direkt zur Überprüfung eingereicht werden. „Sobald wir davon erfahren, werden unangemessene Inhalte von Vinted unmittelbar entfernt. (…) Mitglieder können unangemessene/sexuelle Inhalte (…) direkt melden, damit wir diese überprüfen und entsprechend handeln können“, so der Pressesprecher weiter.

Strafverfolgung kaum möglich

Was das Problem zusätzlich verschärft: Rechtlich ist der Umgang mit solchen Fällen oft schwierig. Die Täter agieren häufig anonym, mit Fake-Profilen oder über VPN-Verbindungen. Auch wenn Screenshots vorliegen, scheitert eine strafrechtliche Verfolgung nicht selten an der fehlenden Identifizierbarkeit.

Was Nutzerinnen von Vinted tun können

Um sich vor sexueller Belästigung zu schützen, empfehlen Verbraucherschützer, Tragebilder auf Plattformen wie Vinted, Mädchenflohmarkt usw. möglichst neutral und ohne Gesicht aufzunehmen. Zudem sollte die Kommunikation konsequent in der App bleiben – und bei verdächtigen Nachrichten sofort eine Meldung erfolgen. Auch das Speichern von Screenshots und das Sichern von Chatverläufen kann im Ernstfall hilfreich sein.

Im Fall von Bildern und Daten, die ohne Zustimmung auf Drittplattformen verbreitet werden, rät Vinted den betroffenen Mitgliedern, sich direkt an die Betreiber dieser Seiten zu wenden. Sobald die Plattform Kenntnis von solchen Fällen hat, werde sie laut eigener Aussage auch selbst aktiv. „Wir haben bereits derartige Fälle über mehrere Kanäle an Telegram gemeldet. Dabei haben wir nicht nur die offiziellen Meldetools genutzt, sondern auch zusätzliche Kontaktstellen, die wir online gefunden haben“, heißt es in der an STYLEBOOK gerichteten Stellungnahme.

Zusammenfassend:

  • Tragebilder ohne Gesicht und in neutralen Posen fotografieren
  • Keine Kommunikation außerhalb von Vinted zulassen
  • Verdächtige Profile direkt melden und blockieren
  • Beweise wie Chatverläufe oder Screenshots sichern
  • Unterstützung suchen, z. B. bei Beratungsstellen oder in Onlineforen für Betroffene digitaler Gewalt
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Was unsere Autorin dazu denkt

Redaktionsleitung bei STYLEBOOK

Frauenrechte enden nicht im digitalen Raum

Was der Fall Vinted zeigt: Die Digitalisierung hat nicht nur unseren Konsum verändert, sondern schafft auch neue Räume für übergriffiges Verhalten. Dass harmlose Tragebilder Ware für Männerfantasien sind, ist ein Symptom unserer Zeit – eines, das nicht nur verstört, sondern konkrete gesellschaftliche, politische und rechtliche Antworten fordert.

Statt Empathie mit den Betroffenen liest man in Kommentarspalten der Tagesschau jedoch viel zu oft Täter-Opfer-Umkehr: „Dann lad eben keine Tragebilder hoch“ oder „Muss man sich halt vorher überlegen“ – als sei es normal, dass Frauen mit der ständigen Gefahr sexueller Vereinnahmung rechnen müssen. Solche Reaktionen verschieben die Verantwortung – weg von den Tätern und hin zu den Frauen. Das ist nicht nur falsch, das ist gefährlich.

Denn die Lösung kann und darf nicht sein, dass Frauen ihre Sichtbarkeit einschränken, um ihre Ruhe zu haben. Die Lösung ist, Grenzüberschreitungen – ob verbal oder durch das Sammeln von Bildern für sexuelle Zwecke – konsequent zu ahnden. Plattformen wie Vinted stehen hier genauso in der Verantwortung wie wir als Gesellschaft. Bis es so weit ist, bleibt eines: Solidarität mit den Betroffenen. Und die klare Forderung: Frauen müssen sich auch im Netz sicher und respektiert bewegen können – egal, wie sie sich zeigen.

Themen Female Empowerment Nachhaltigkeit News

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